Das Ersatzteil wohnt vielleicht drei Straßen weiter

Das Ersatzteil wohnt vielleicht drei Straßen weiter

Vor ein paar Jahren sollte ich für ein Fachmagazin in die Zukunft schauen. Welcher Trend würde uns in den kommenden Jahren beschäftigen? Meine Antwort: 3D-Druck. Damals kamen die ersten Geräte für zu Hause auf den Markt und ich sah eine Zukunft voller Ersatzteile. Kaputter Hebel? Nachdrucken. Abgebrochener Clip? Nachdrucken. Dieses eine Plastikding, ohne das ein ansonsten tadelloses Gerät plötzlich Elektroschrott ist? Natürlich: nachdrucken.

Nun ja. Stattdessen bekamen wir erst einmal Einhorn-Keksausstecher. Wir haben selbst zwei 3D-Drucker zu Hause. Ich kenne also Filament, Fehldrucke und die eigentümliche Faszination, einem Gerät minutenlang dabei zuzusehen, wie es Schicht für Schicht ein Ding produziert, von dem man vor einer Stunde noch nicht wusste, dass man es braucht. Besagter Einhorn-Keksausstecher übrigens: optisch überzeugend, praktisch eine Katastrophe. Wer schon einmal versucht hat, einen filigranen Teigeinhornschweif unbeschadet aufs Backblech zu befördern, weiß, wovon ich spreche. Und so ging es eine ganze Weile mit dem 3D-Druck. Man druckte Figuren, Halterungen, Vasen, Gadgets und Dinge, bei denen die alte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ eine erstaunlich technische Dimension bekam. Nur auf das, was ich damals erwartet hatte, wartete ich.

Wo bleiben eigentlich die Ersatzteile?

Denn das ist doch die eigentliche Superkraft dieser Technik. Wir alle besitzen Gegenstände, deren Lebensende nicht von einem kaputten Motor, einem durchgerosteten Gestell oder einem irreparablen Totalschaden bestimmt wird. Nein. Manchmal sind es drei Gramm Plastik.
Der kleine Hebel der Kaffeemaschine bricht. Der Clip am Kinderwagen gibt auf. Der Verschluss einer Dose verabschiedet sich. Das Gerät funktioniert eigentlich noch wunderbar, nur dieses eine lächerlich kleine Bauteil fehlt. Also sucht man nach einem Ersatzteil. Findet keines. Schreibt dem Hersteller. Das Modell wird nicht mehr produziert. Und plötzlich soll wegen eines Plastiknupsis ein komplettes Produkt in den Müll? Das ist nicht nur ärgerlich. Angesichts der Ressourcen, die in Herstellung, Transport und Entsorgung stecken, ist das ziemlich absurd.
Genau hier wird 3D-Druck vom Hobbyspielzeug zu etwas, das für die DIY-Community wirklich spannend ist: einem Reparaturwerkzeug. Ein defektes Teil kann vermessen und digital nachmodelliert werden. Anschließend wird es Schicht für Schicht neu gedruckt. Passt die erste Version noch nicht exakt, lässt sich die Konstruktion anpassen. Und auch beim Material kann man berücksichtigen, was das Ersatzteil später aushalten muss. Ein Bauteil für draußen stellt schließlich andere Anforderungen an einen Kunststoff als ein Knopf für die Schreibtischschublade. Ganz so vollautomatisch, wie ich es mir damals ausgemalt hatte, ist es noch nicht. Mein Traum war ja: altes Teil in einen Scanner legen, Bruchstelle erkennen lassen, Material bestimmen, auf „Los“ drücken und zehn Minuten später fällt das identische Ersatzteil heraus. Die Realität braucht häufig noch jemanden, der messen, modellieren und das passende Material auswählen kann. Aber genau dieser Jemand könnte erstaunlich nah wohnen.

LayerForge: Wenn man keinen 3D-Drucker braucht, sondern jemanden, der einen hat

Und hier wird es interessant. Martin Leitner aus Thalgau bei Salzburg hatte offenbar einen ähnlichen Gedanken, nur hat er nicht weiter darüber gegrübelt, sondern LayerForge gebaut. Die Idee dahinter ist angenehm unkompliziert: Wer ein kaputtes oder fehlendes Teil braucht, stellt es auf der Plattform ein. Ein Foto oder eine Skizze und die wichtigsten Informationen reichen zunächst aus. Maker aus Deutschland und Österreich können sich daraufhin melden und Angebote für die Umsetzung machen. Man muss also weder selbst einen 3D-Drucker besitzen noch wissen, was CAD bedeutet, geschweige denn nachts Tutorials über Extrusion, Layerhöhe und Filamenttemperatur schauen. Das Einstellen einer Anfrage ist kostenlos. Entscheidend ist aber etwas anderes: LayerForge bringt zwei Gruppen zusammen, die bislang erstaunlich oft aneinander vorbei lebten. Auf der einen Seite Menschen mit einem kaputten Gegenstand. Auf der anderen Seite Menschen mit Drucker, Know-how und ziemlich großer Lust, damit endlich etwas Sinnvolleres herzustellen als den siebzehnten kleinen Plastikdrachen. Das gefällt mir. Denn auf einmal wird aus 3D-Druck nicht die nächste Technik, die jeder besitzen muss. Sondern eine Fähigkeit, die geteilt werden kann. Und genau darin steckt für mich der eigentliche Maker-Gedanke. Wir müssen nicht alle einen 3D-Drucker im Keller stehen haben. Wir müssen auch nicht alle konstruieren können. Es genügt, wenn wir jemanden finden, der es kann. LayerForge macht aus diesem zufälligen „Kennst du nicht jemanden mit einem 3D-Drucker?“ ein System. Und damit wird Reparieren plötzlich wieder ein Stück regionaler. Vielleicht sitzt derjenige, der deinen kaputten Kaffeemaschinenhebel nachbauen kann, tatsächlich nur drei Straßen weiter. Beim nächsten Problem weißt du dann schon, wen du fragen kannst. Das Spannende daran geht deshalb über das einzelne Ersatzteil hinaus. Solche Plattformen machen sichtbar, welches Wissen und welche Fähigkeiten längst vorhanden sind. Einer druckt. Eine andere näht. Der nächste kann löten, restaurieren oder schweißen. Das ist im Grunde die älteste Form des Selbermachens mit ziemlich neuer Technik: Wir müssen nicht alle alles können. Wir müssen nur wissen, wer es kann.Und genau darin liegt endlich der große Moment des 3D-Drucks, auf den ich damals gewartet habe. Nicht darin, dass in jedem Haushalt ein Drucker steht und rund um die Uhr Plastikzeug produziert. Sondern darin, dass eine Kaffeemaschine weiter Kaffee kocht, ein Kinderwagen weiter rollt und ein Gartengerät noch einen Winter erlebt, obwohl der Hersteller das passende Ersatzteil längst aus dem Sortiment genommen hat. Drei Gramm Kunststoff können verdammt wenig sein.Wenn sie fehlen, können sie aber über mehrere Kilo Müll entscheiden. Und plötzlich ergibt dieser 3D-Druck wirklich Sinn. Der Einhorn-Keksausstecher darf natürlich trotzdem bleiben. Man muss technischen Fortschritt schließlich nicht unnötig verbissen sehen.


Das Ersatzteil wohnt vielleicht drei Straßen weiter


LayerForge ist ein Online-Marktplatz für individuelle 3D-Druck-Aufträge. Nutzer stellen ein benötigtes oder defektes Bauteil mit Foto, Skizze und den verfügbaren Informationen kostenlos auf der Plattform ein. Maker aus Deutschland und Österreich können daraufhin Angebote für die Anfertigung abgeben. Ein eigener 3D-Drucker oder CAD-Kenntnisse sind dafür nicht erforderlich. Gegründet wurde LayerForge von Martin Leitner aus Thalgau bei Salzburg (Foto).
WEB: layerforge.at

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