Es gibt diesen einen Karton. Du weißt schon. Der mit den Papierresten, den Bändern, den Knöpfen, drei Metern Juteschnur und dem Stempelset, das man unbedingt brauchte. Kreative Menschen besitzen keinen Bastelschrank. Sie besitzen ein Materialarchiv mit leichter Tendenz zur Eskalation. Und trotzdem passiert es immer wieder: Ausgerechnet für die Einladung zum nächsten Jubiläum fällt einem … nichts ein.
Irgendwann im Laufe der letzten Jahre hat sich ein seltsamer Gedanke eingeschlichen. Einer, der sich erstaunlich hartnäckig hält: Handgemacht ist nur das, was möglichst viel Kleber, Schere und Fingerspitzengefühl erfordert. Alles andere? Irgendwie geschummelt.
Ich halte das für ein Gerücht. Denn wenn wir ehrlich sind, war Kreativität noch nie eine Frage des Werkzeugs. Sonst müssten wir konsequenterweise auch behaupten, dass ein Koch nur dann richtig kocht, wenn er vorher den Weizen gedroschen und den Backofen selbst gemauert hat.
Die Wahrheit ist viel entspannter: Kreativität beginnt nicht mit der Schere. Sie beginnt mit einer Idee. Vielleicht mit einem Zitat. Oder einem Bild. Mit dem Gedanken: Genau so soll sich das anfühlen. Alles andere sind Hilfsmittel. Und Hilfsmittel dürfen einem das Leben ruhig leichter machen.
Wer schon einmal versucht hat, dreißig Einladungskarten per Hand identisch zu gestalten, weiß nämlich ziemlich genau, wann aus Bastelliebe langsam Bastelverzweiflung wird. Die ersten fünf Karten sehen aus wie aus dem Bilderbuch. Nummer elf bekommt plötzlich schiefe Ecken. Bei Nummer achtzehn klebt der Finger am Doppelklebeband fest und Karte vierundzwanzig trägt ungewollt den Fingerabdruck ihres Schöpfers als zusätzliches Gestaltungselement.
Spätestens jetzt meldet sich die Jungfrau (= Perfektionistin) in mir. Oder der Rücken. Oder beide gleichzeitig. Vielleicht ist genau das der Moment, an dem wir aufhören sollten, in Entweder-oder-Kategorien zu denken. Denn zwischen komplett selbst gebastelt und fertig gekauft liegt ein riesiger kreativer Spielplatz. Und digitale Gestaltung gehört längst dazu. Nicht als Ersatz, sondern als Werkzeug. Denn eigentlich ist ein guter Online-Editor nichts anderes als ein Basteltisch. Man schiebt Farben hin und her, probiert Schriften aus, verwirft Ideen, beginnt noch einmal von vorn und entdeckt plötzlich eine Kombination, auf die man mit Papier und Klebestift vielleicht nie gekommen wäre. Nö, das ist kein Knopfdruck. Das ist Gestalten!
Und ehrlich gesagt: Der Computer weiß trotzdem nicht, welche Schrift perfekt zum Geburtstag deiner Mutter passt. Er kennt auch nicht den schrägen Humor deiner Schwester oder die Vorliebe deiner besten Freundin für Aquarellblumen. Diese Entscheidungen trifft immer noch der Mensch vor dem Bildschirm.
Und ehrlich gesagt: Der Computer weiß trotzdem nicht, welche Schrift perfekt zum Geburtstag deiner Mutter passt. Er kennt auch nicht den schrägen Humor deiner Schwester oder die Vorliebe deiner besten Freundin für Aquarellblumen. Diese Entscheidungen trifft immer noch der Mensch vor dem Bildschirm. Genau deshalb nutzen viele DIY-Begeisterte inzwischen digitale Gestaltungsmöglichkeiten, um Karten online zu gestalten und professionell drucken zu lassen. Nicht, weil sie keine Lust mehr auf Basteln hätten, sondern weil sie sich den Teil der Arbeit erleichtern, der mit Kreativität oft erstaunlich wenig zu tun hat: gleiche Abstände, saubere Ausrichtung, gute Papierqualität oder die hundertste identische Karte. Das eigentlich Persönliche entsteht trotzdem durch die Idee, den Anlass und die Menschen, für die die Karte gedacht ist.
Die Karte kommt nämlich aus dem Umschlag zurück auf den Basteltisch. Hier wird noch ein gepresstes Farnblatt eingesteckt. Dort landet ein handgeschriebener Satz am Rand. Vielleicht bekommt der Umschlag ein Wachssiegel. Vielleicht hängt plötzlich ein kleines Stoffetikett daran oder ein Anhänger aus Holz. Vielleicht passiert auch gar nichts weiter, weil die Gestaltung genau so schon alles erzählt, was sie erzählen soll.
Handmade war nie eine Disziplin bei den Olympischen Spielen. Niemand verteilt Medaillen dafür, möglichst viele Arbeitsschritte selbst erledigt zu haben. Es geht auch nicht darum, möglichst viel Zeit zu investieren. Sondern möglichst viel Persönlichkeit. Eine liebevoll gestaltete Karte ist deshalb nicht wertvoll, weil jemand fünf Stunden daran geschnitten, gestempelt und geflucht hat. Sie ist wertvoll, weil jemand sich hingesetzt und gedacht hat: Wie bringe ich einen Menschen zum Lächeln? Ob diese Idee anschließend mit Schere, Stempel, Pinsel oder Maus Gestalt annimmt, ist den meisten Empfängern ziemlich egal.
Sie sehen ohnehin nur das, worauf es wirklich ankommt. Nicht den Kleber. Sondern die Geste.
Also: auf die Idee kommt es an!
Eure Dörte