„Alle Dinge noch mal neu erfinden!“ HANDMADE Kultur im Gespräch mit dem Cradle To Cradle Visionär Prof. Dr. Braungart

Brad Pitt ist sein Fan, Steven Spielberg unterstützt ihn, und internationale Unternehmen wie Wal-Mart, Procter & Gamble oder die US-Weltraumbehörde NASA haben sich Teile seiner Theorie zu eigen gemacht. Im Interview erklärt Prof. Dr. Michael Braungart, wie sich der Mensch zu einer Chance für den Planeten Erde entwickeln kann. Der Öko-­Visionär arbeitet an einer Zukunft, in der alles wiederverwertbar ist.

INTERVIEW: Andreas Kuntoff | ILLUSTRATION: Alexandre Dujardin

HK: Herr Professor Braungart, der wichtigste Punkt Ihrer Theorie ist der »Cradle to Cradle«-Ansatz. Sinngemäß also: »Von der Wiege bis zur Wiege«. Was verstehen Sie darunter?
Braungart: Die Leute denken, sie würden die Umwelt schützen, wenn sie weniger zerstören. »Fahr weniger Auto oder mach weniger Müll!« Aber das ist kein Schutz, das ist nur weniger Zerstörung. Das ist, als wenn ich sagen würde: »Schütz dein Kind, schlage es nur fünfmal anstatt zehnmal«. Bei »Cradle to Cradle« geht es darum, Dinge zu machen, die nützlich sind, statt nur weniger schädlich. Also um Dinge, die die Natur aktiv unterstützen und von denen Natur und Gesellschaft gleichermaßen profitieren. »Cradle to Cradle« heißt: Alle Dinge, die verschleißen, wie etwa Bremsbeläge, Autoreifen oder Waschmittel, werden so hergestellt, dass sie der Biosphäre nutzen. Und alle Dinge, die nicht verbraucht, sondern nur für Dienstleistungen genutzt werden, zum Beispiel die Waschmaschine oder der Fernseher, wandern in die Technosphäre. »Cradle to Cradle« feiert die Menschen als eine Chance auf der Erde, anstatt in ihnen eine Belastung zu sehen, die es zu minimieren gilt.

HK: Was unterscheidet »Cradle to Cradle« von herkömmlichen Theorie-Ansätzen?
Braungart: Kreislaufwirtschaft zum Beispiel nimmt nur die bestehenden Dinge, um etwas mit ihnen anzustellen. Wenn man aber das Falsche perfekt macht, dann macht man es nur perfekt falsch. Es geht also nicht um Effizienz, sondern um Effektivität. Also darum zu fragen: Was ist das Richtige? Die bestehenden Dinge sind so erstaunlich primitiv – wenn Sie zum Beispiel einen Parkschein lösen, haben sie Dutzende Chemikalien an den Händen, die später in der Muttermilch wiederzufinden sind. Wenn Sie eine Münze anfassen, nehmen Sie 200-mal mehr ­Nickel auf als das legal ist für jeden anderen Gegenstand. Wenn Sie Toilettenpapier verwenden, kontaminieren Sie damit etwa eine Million Liter Wasser. Alle Dinge, die uns umgeben, sind nicht wirklich für den Menschen und die Umwelt gemacht, sondern nur, um nett auszusehen und kostengünstig zu sein. ­Darum: Alle Dinge noch einmal neu erfinden!

HK: Das geht nicht von heute auf morgen. Was sind die ersten Ziele auf dem Weg dorthin?
Braungart: Es ist wichtig, positive Ziele zu setzen. Die Luftqualität in einem geschlossenen Gebäude zum Beispiel ist im Moment etwa drei- bis achtmal schlechter als die städtische Außenluft. Es wäre also ein gutes Vorhaben, bis 2020 die Luftqualität in ­einem Gebäude besser zu haben als die Luft draußen. Die Luft ist kontrollierbar. Man kann Materialien wie Teppichböden oder Farbe einsetzen, die schlechte Luft reinigen. Ein anderes Ziel wäre, dass bis 2020 verwendetes Papier kompostierbar wird. Im Moment ist das Sondermüll. Der Pizzakarton oder die Nudelpackung sind kontaminiert, weil Füllstoffe aus der Altpapieraufbereitung in den Kartons sind. Gleiches gilt für Zeitungspapier. Den »Spiegel« kann man wegen seiner Ausgasungen eigentlich nur noch im Freien lesen. Oder nehmen wir ein anderes Ziel: Zu sagen, bis 2020 gewinnen wir den Phosphor zurück, denn Phosphor ist viel seltener als Öl. Derzeit verschleudern wir ihn aber und schaffen damit zusätzliche Probleme: Durch Phosphatdünger wird viel mehr Radioaktivität in die Umwelt gebracht, als in allen Atomanlagen verwendet wird. Sich positive Ziele zu setzen heißt: Nicht zwanzig Prozent weniger schlecht zu sein, sondern gut zu sein. Es geht eigentlich nicht um Nachhaltigkeit, sondern nur um Qualität. Ein Produkt, das Abfall wird, hat einfach nur ein Qualitätsproblem, sonst gar nichts.

HK: Der Mensch soll also sich und seine Umwelt nicht vergiften, und es soll keinen Abfall mehr geben?
Braungart: Das ist noch viel zu negativ gedacht: nicht vergiften. Wenn ich mein Kind nicht schlage, habe ich noch nichts geleistet, das ist nur das Minimum.

HK: Aber immerhin richte ich keinen Schaden an. Ist das nicht besser als der Status quo?
Braungart: Klar, ich kann ein T-Shirt ohne Gift produzieren, aber das ist noch gar nichts. Ich könnte auch Allergien damit bekämpfen, der Haut also wirklich etwas Gutes tun. Kleidung kann Haut
pflegen. Und was für Kleidung gilt, gilt für alle Dinge: Der Mensch soll nützlich sein.

HK: Im Ausland findet Ihr Denkansatz großen Anklang oder wird, wie etwa bei der NASA, bereits in die Praxis umgesetzt. Sie lehren in Holland. In Deutschland erlangt Ihre Theorie erst jetzt Popularität. Warum?
Braungart: Ich bin mit der Wiedervereinigung in die USA gegangen, weil mir klar wurde, dass damals Umwelt in Deutschland erst mal keine Rolle spielen würde. In Deutschland ist Umwelt ein Moralthema. Nicht nur uns Deutschen kommt die Moral abhanden, wenn’s uns schlecht geht oder wir Stress haben. Mir geht es nicht um ein moralbasiertes, sondern um ein qualitätsbasiertes System. In Europa wird man für Probleme bezahlt, in den USA jedoch dafür, dass man Probleme löst. »Cradle to Cradle« verbindet die Komplexität im Denken mit der Handlungsorientierung der USA.

HK: Der Umweltschutz als Moralthema und das schlechte Gewissen als Motor – das ist tief verwurzelt in unserer Kultur. Wie wollen Sie das den Menschen abgewöhnen?
Braungart: Wir müssen vor allem aufhören, die Natur zu romantisieren. Wenn man von »Mutter Natur«
redet, sind wir immer die bösen Kinder. »Mutter Natur« gibt es nicht, die Natur ist nicht unsere Mutter, sie ist unsere Lehrerin, unsere Partnerin. Wir lernen von der Natur, endlos. Die Natur ist nicht blöde und macht Chemikalien, die sich in Lebewesen anreichern. Ich finde 2.500 verschiedene Chemikalien in Muttermilch, da gibt es keine einzige, die natürlichen Ursprungs ist, das sind alles synthetische Substanzen.

HK: Das könnten wir lernen von der Natur …
Braungart: Genau, wieder ein positives Ziel: 2020 stellen wir nichts mehr her, was sich in Muttermilch anreichert. Bis 2020 kriegen wir hin, dass alle unsere Gebäude die Luft reinigen so wie Bäume. Wir verlieren so viel an Lebenserwartung durch Feinstäube – fünf Jahre in der Bundesrepublik im Durchschnitt, viel mehr als durch Passivrauchen oder durch Alkohol – wenn wir aber beispielsweise alle Fassaden mit Beschichtungen versehen würden, die Feinstäube binden, bräuchten wir nicht unsere Lungen dafür einzusetzen.

HK: In Ihrem Buch beschreiben Sie viele Dinge, die schon nach dem »Cradle to Cradle«-Ansatz funktionieren. Was würden Sie daraus hervorheben?
Braungart: Es gibt eine Firma in München, die leiht Lösungsmittel aus. Das geht auf eine Zusammen­arbeit mit uns aus dem Jahre 1991 zurück. »Rent a solvent« – das funktioniert wunderbar, man verkauft dem Kunden nur noch die Nutzung des Lösungsmittels, nicht die Substanz selber. Damals haben wir in der Schweiz und in Deutschland die ersten essbaren Möbelbezugstoffe entwickelt. Diese Stoffe können vollständig in die Biosphäre zurückgehen. Wenn Sie jetzt in Deutschland einen herkömmlichen Möbel­bezugstoff herstellen, sind die Zuschnitte so giftig, dass sie als Sondermüll verbrannt werden müssen. Aber das Produkt geht auf den Markt. Das ist absurd! Diese beiden Beispiele funktionieren seit über zwanzig Jahren und sind keine Hirngespinste. »­Cradle to Cradle« wird Mainstream, schneller als gedacht.

HK: Haben Sie eine Lieblingsidee, die noch nicht verwirklicht ist?
Braungart: Ja, klar. Die Rente abzuschaffen – und zwar komplett. Menschen, die gesund sind, mit 65 Jahren in Rente zu schicken, heißt, sie zu Müll zu erklären. Natürlich brauchen Menschen Urlaub und Freizeit, aber Menschen können tätig sein, solange sie gesund sind. Sie nach 65 Jahren auf Mallorca zu entsorgen ist menschenverachtend.
Wir brauchen vielmehr eine Gesellschaft, die sich zu einem Drittel sozial engagiert. Daneben brauchen wir eine gartengebundene Landwirtschaft. In beiden Bereichen könnten sich Menschen engagieren, die vielleicht nicht mehr voll erwerbstätig sein können.

HK: Herzlichen Dank für das Gespräch! (Das Interview erschien in dem HANDMADE Kultur Magazin Nr. 2/2014)

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