Biblische Zeiten oder: Mit dem Schäfer auf der Heide

Fotos und Text: Catrin Porsiel

Die seidenweichen graulockigen Pelzschafe von Gotland haben mich zum Strickdesign geführt, als ich vor Jahren als Lehrerin nach Schweden auswanderte.  Dass Schäfer der allerälteste Beruf der Menschheit überhaupt ist, war mir nicht bewusst gewesen. Ich wollte fortan einfach nur noch Dinge tun, die ich bisher noch nie zuvor getan hatte, denn nach 10 Bürojahren, 15 Lehrerjahren und 40 Jahren Reiterei war es einfach Zeit für etwas Neues.

Dies führte mich jüngst  zu einem Heideschäfer, der wie in uralter Zeit seine riesengroße Schnuckenherde  hütet, als habe er soeben erst das Paradies verlassen. Jenseits des Paradieses gibt es allerdings vor allem Eines: Sehr viel harte  Arbeit. Und das ist eigentlich gar nicht romantisch. Stundenlang  mit den Schafen wandern, damit sie satt werden,  bei  Wind und Wetter  –  dennoch ist die Heidelandschaft von einer paradiesischen Schönheit. Das Blöken der Schafe und der Gesang der Lerche sind die einzigen Laute weit und breit und ich staune, als ich den Ruf eines noch nie gehörten Vogels  vernehme: Der seltene Wiedehopf ist hier zuhause.  Die Heide ist im dichtbesiedelten Deutschland  ein wahrer  Geheimtipp

Ich fühle  mich zurückversetzt in biblische Zeiten und das Gefühl, außerhalb der Zeit  zu schweben, dauert hartnäckig an. Von der Schnuckenherde geht eine seltsam magische Wirkung aus, der ich mich unmöglich entziehen kann.   Stunden werden zu Minuten oder besser gesagt zur Ewigkeit. Selbst meine Ungeduld meldet sich nicht mehr, die Kamera trage ich stundenlang spazieren und mir wird bewusst, dass ein Foto ohnehin nur ein Abbild der Wirklichkeit sein kann. Tausend Schafe im  unwegsamen Heidekraut, das stete Wandern, die neugeborenen Lämmer, der Horizont ist weit und die eigene Existenz  wird klein und unbedeutend. Waren so die Anfänge der Menschheit? Haben so die Menschen  der alttestamentarischen Zeit gelebt?

Für mich steht fest, dass es nach meinem „Karakul Projekt“  – da sind im vorletzten Jahr wunderbare gefilzte Sitzkissen entstanden – ein „Schnucken Projekt“ geben muss:  Die Heidschnucken Wolle ist jedoch wesentlich rauer und länger als ich erwartet habe. So beschließe ich spontan, kaum wieder im Hier + Jetzt angelangt,  die Wolle für die Meisen in meinem Garten als Nisthilfe auszulegen und später eine Nisthöhle  zu filzen. Meine Idee, endlich einen Männerpullover zu stricken, setze ich mit meinem  altbewährten Pelzschaf Garn um. Schäfer und Lamm sind die idealen Models und so entsteht anstelle des geplanten schottischen Musters einfach ein dicker „Hütepullover“ –  den Schafen sei Dank!

Infos unter http://www.verlockend.eu (Dort ist zum Pullover inzwischen auch ein passender Schal  hinzu gekommen.)

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