Heile Welt im Miniaturformat

Irgendwo in Niedersachsen, zwischen Bremen und Worpswede, wohnen die Böhlands* in einem 600-Seelen-Dorf. Ihr geräumiges Eigenheim bietet nicht nur dem pensionierten Paar, sondern auch unzähligen Miniaturwelten ein Zuhause – Puppenstuben und -häuser, allesamt selbst entworfen, eingerichtet oder erbaut. Handmade Kultur traf Barbara und Uwe Böhland zu Kaffee, Apfelkuchen und einer ausgiebigen Besichtigung.
Text: Dörte Brilling | Fotos: Thordis Rüggeberg

Zur Geschichte der Puppenhäuser

Während es Puppen schon sehr lange gibt – die ältesten stammen aus der Jungsteinzeit und kamen vor allem in rituellen Zeremonien zum Einsatz – ist die Geschichte der Puppenhäuser noch recht neu. Die ersten Modelle tauchten im 16. Jahrhundert auf. Auch sie waren nicht für das kindliche Spiel gedacht, sondern 1:1-Nachbildungen des eigenen Hauses und seiner Einrichtung. Diese Schaustücke im Miniaturformat leisteten sich hauptsächlich wohlhabende Familien; aufgestellt wurden sie meist in den sogenannten Empfangsräumen, da, wo auch Besucher sie bewundern konnten.

Das größte Puppenhaus der Welt ist das Queen Mary’s Dolls‘ House, das in Schloss Windsor steht. Es wurde zwischen 1921 und 1924 von sage und schreibe 1.500 Handwerkern für die damalige Königin Mary angefertigt. Bemerkenswert: sogar die Lifte und die Wasserspülungen der WC-Anlagen funktionieren!

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Mit sehr viel Liebe zum Detail

So gewaltig und pompös sind die Puppenhäuser der Böhlands nicht. Doch wagen wir zu behaupten, dass hier in so manchem Detail mindestens eben so viel Kunstfertigkeit steckt wie in dem Miniaturschloss der englischen Royals. Für die Medizinflaschen der Apotheke etwa beauftragte das Paar Glasbläser in Thüringen; sie sind gerade mal 7 Millimeter hoch! Nach den Etiketten der verschiedenen Behältnisse im Regal wurde im Internet recherchiert, sie wurden ausgedruckt und im Copyshop der nächstgrößeren Stadt passend verkleinert.
Das Klöppelkissen in der Hutmacherei drechselte ein Tischler. Der Kopfputz à la mode dagegen entstammt der Fingerfertigkeit von Barbara Böhland, ebenso die Aussteuer, Handtücher und Tischwäsche und die aufwändigen Stickereien auf den Schrankbändern des Wäscheschranks.

Von der Alchemistenküche bis zum Fatschenkindl

Die nostalgische Apotheke, der Spielzeugladen, Schneiderei und Küche – Puppenstuben-Klassiker. Aber die beiden haben auch Exotisches zu bieten, zum Beispiel eine Alchemistenküche. Phiolen, Säckchen und Gallionen, Kisten und Kästchen mit Ingredienzien, all das gehört in das Mini-Labor eines guten Quacksalbers made by Böhland. Auch die winzigen Knoblauch-Knollen und Kräuterzweige dürfen nicht fehlen – vielleicht zur Abwehr böser Geister? Für den alchimistischen Ofen, Athanor genannt, hat sich Uwe Böhland in alte Bauanleitungen vertieft, um ihn originalgetreu nachbilden zu können. Immerhin wollte man schon damals den Stein der Weisen finden, oder wenigstens Stroh zu Gold machen, da musste alles stimmen.

Ebenfalls ein wenig alchemistisch mutet der „Arme Poet“ an. Hier wurde Spitzwegs berühmtes Gemälde von 1839 kurzerhand von den Böhlands aus der 2. Dimension in die 3. transformiert – das geschickte Paar kennt sich ja gut aus mit 3D-Welten im Miniaturformat. Die Details halten jedem Vergleich mit dem Original stand. Gleich daneben wechseln wir nahtlos Kontinent und Kulturkreis: hier vertieft sich eine japanische Geisha in ihre Teezeremonie. Asien hat es der weitgereisten Barbara Böhland besonders angetan.

Wer aus Süddeutschland oder Österreich kommt, wird mit dem „Fatschenkindl“ sicherlich etwas anfangen können. Es handelt sich hier um ein dreidimensionales Andachtsbild oder auch Gebildvotiv des Jesuskindes, bei dem sich das Können Barbara Böhlands besonders zeigt. Um es anfertigen zu können, hat die heute 74jährige Literatur studiert und von den Klosterarbeiten der Nonnen aus dem Alpenvorland gelernt. So hat Barbara Böhland sich auch das Modellieren von Wachs beigebracht. Zum Glück gibt es auch heute noch einiges an Material, das die angewandten Techniken beschreibt; in Bayern findet man darüber hinaus Läden, in dem man das Zubehör für solche Arbeiten erwerben kann: Goldbouillon, Strass, Wachs und Borten.

Das Wachsmedaillon hat Barbara Böhland angefertigt, genauso wie die gesamte Ausstattung des Gebildvotivs.

Ein eigenes Museum

Dass ihr Herz für kleine, feine Dinge schlägt, wird spätestens klar, als sie uns in ihr Zimmer führt. Mehr als hundert Weihwasserbecken aus Keramik füllen Schubladen, Hummelfiguren einen ganzen Schrank. Klangschalen, Drachen und ein riesiger Gong erinnern an die vielen Rucksackreisen, die sie mit ihrem Sohn nach China, Nepal, Myanmar, Kambodscha und Vietnam unternahm. Ein kleines Museum der Dinge des eigenen Lebens.

Auf die Frage, ob sie sich hier Zuhause fühlt, sagt Barbara Böhland: „Ich könnte morgen wegziehen und würde nichts vermissen. Solange die Puppenhäuser, die Sammlungen und diese ganzen Dinge mitkommen.“

Barbara Böhland arbeitete als Stenotypistin, Uwe Böhland war Berufssoldat. Ein Grund, warum die Familie mit den beiden Söhnen oft umziehen musste, da er ständig woanders stationiert war. Nach seiner Pensionierung zog das Paar nach Niedersachsen und wurde hier sesshaft. Uwe Böhland fing an zu malen und machte sich bald als Landschaftsmaler einen Namen. Seine Bilder verkauften die beiden in den zwei Ladengeschäften in Bremen und Worpswede, die 1990 von ihnen eröffnet wurden. Außerdem boten sie Geschenkartikel und Spielzeug an. Letzteres gab wohl den Startschuss, sich selbst als Innenarchitektin und Baumeister von Miniaturen zu betätigen. Ihre Geschäftstätigkeit beendeten die Böhlands 2018, seitdem genießen sie ihren Ruhestand – und ihre Schätze. Daran weiterarbeiten wollen sie aber nun wohl nicht mehr.

*Name wurde auf Wunsch geändert. (Anm. d. Red.)

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