Stoffe aus Algen!

BRAUNALGEN Aus diesen Wasserpflanzen produziert die »Smartfiber AG« in Rudolstadt Stoffe, die voller gesunder Vitamine und Mineralien stecken. Foto: smartfieber

Algen sind wahre Nährstoffreservate. Sie nehmen haufenweise Vitamine und Mineralien aus ihrer Umgebung auf – und können sie auch wieder ­abgeben. Zum Beispiel, wenn sie verwebt in T-Shirts und Kleidern stecken: »Seacell« heißt die bioaktive Faser, die nicht nur seidig-weich ist, sondern beim Tragen auch eine besondere Wirkung entfaltet.

TEXT: Larissa Rode

Der Stoff hat’s in sich: Er sieht aus wie die handelsübliche Textilware, aber seine Fasern sind aus einem ganz besonderen Material – aus Braun-algen. Das Unternehmen »Smartfiber« aus dem thüringischen Rudolstadt stellt die Fasern her, »Seacell« haben sie ihr Produkt getauft.

Die Kleidungsstücke aus dem Meeresgewebe sind nicht nur besonders weich und geschmeidig, laut Hersteller besitzen die Algenfasern auch noch besondere Fähigkeiten: Sie pflegen und schützen die Haut. Das geschieht denkbar nebenbei – die Vitamine und Mineralstoffe aus der Alge lösen sich beim Tragen aus der Faser und können so in der menschlichen Haut ihre Wirkung entfalten.

Gewonnen werden die Fasern aus der Braunalge der Art Ascophyllum nodosum. Dieser Knotentang wächst in den Fjorden vor der Nordwestküste Islands. Weil die Pflanzen in der Nähe von geothermalen Quellen gedeihen, nehmen sie große Mengen unterschiedlicher Mineralien auf – in einem Kilo getrockneter Algen stecken die Nährstoffe aus 100.000 ­Litern Meerwasser.

Ein kostbares Stück Natur, das wissen auch die Rudolstädter Textilhersteller und gehen entsprechend sorgsam mit den Pflanzen um. Schwimmende Mähdrescher schneiden bei der Ernte nur die oberen, gut nachwachsenden regenerativen Tangspitzen ab. Und nur alle vier Jahre wird geerntet, damit die Alge ­genug Zeit zum Nachwachsen hat. Die Tangspitzen werden nach dem Schnitt bei »Smartfiber« in Rudolstadt getrocknet und gemahlen und dann in die Cellulosefaser eingebracht. So entsteht das weiche Algengarn.

Das Verfahren dafür haben die Wissenschaftler am Materialforschungsinstitut für Polymerwerkstoffe (TITK) entwickelt. »Smartfiber« hat das Patent erstanden und als Erstes das Algengarn »Seacell« produziert. In den vergangenen Jahren hat die Faser eine ganze Handvoll Zertifikate bekommen – nicht nur in Sachen Nachhaltigkeit. Wissenschaftler der Universitätsklinik Jena attestierten der Faser eine sehr gute Hautverträglichkeit. In einer Untersuchung stellten die Forscher fest, dass Stoff aus den Algen bei Menschen mit empfindlicher Haut keine Allergien oder Hautreizungen verursacht. Damit eignet sich Kleidung aus den Meeresalgen besonders für Menschen mit Neurodermitis.

Auch Christine Mayer ist vor sieben Jahren auf ­diesen besonderen Stoff gekommen. Sie arbeitet als ­Designerin in Berlin-Mitte. »Der Stoff ist wie Balsam«, sagt sie. »Wenn man ihn trägt, fühlt es sich so an, als ob er eine Verbindung mit der Haut eingeht.« Zu hauchfeinem Jersey verstrickt ist er ganz glatt und anschmiegsam. Ähnlich wie bei reiner Wolle perlen Wassertropfen an ihm ab, er schimmert leicht wie Seide und ist so weich wie Kaschmir. Doch anders als diese Materialien ist die Algenfaser etwas dichter und schwerer.

MODE AUS ALGEN Anti-Age-Pflege für die Haut. Aus der »spirit & soul«-Kollektion von »Christine MAYER«. Foto: Billy und Hells

Mayers Kunden sind anfänglich oft skeptisch. Ein Stoff aus Algen? Viele riechen an den Kleidungs­stücken, erzählt die Designerin. Doch am Geruch lässt sich nichts beanstanden, die Algenkollektion riecht wie übliche T-Shirt-Ware. Das Einzige, was ­etwas schmerzt, ist der Preis: Ein T-Shirt liegt bei etwa 140 Euro. Kein Wunder, die Herstellung von ­einem Kilo Algenstoff kostet knapp das Vierfache von normaler Baumwolle.

Und doch: »Menschen, die sich entschließen, Kleidung aus Algenstoff zu kaufen, werden zu Wiederholungstätern«, sagt auch Christine Zillich. Die ­Designerin aus dem westfälischen Nieheim hat die Knotentangfaser vor acht Jahren für sich entdeckt, als sie nach einem Ersatzstoff für Baumwolle suchte. Sie setzt bei ihren Kollektionen auf kleine Mengen und handbemalte Einzelstücke. Und will damit auch ein Statement gegen die Fast-Fashion-Modeindustrie abgeben, wo fast alle für hohe Umsätze zahllose Chemikalien und fragwürdige Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern in Kauf nehmen. »Es geht nicht nur um Mode«, sagt Zillich. »Es geht darum, dem Stück, das ich kaufe, eine Wertigkeit zu geben.«

Denn den Designerinnen geht es um mehr als nur ein angenehmes Tragegefühl ihrer Stücke. Sie setzen auf Nachhaltigkeit. Dazu passt die Algenfaser perfekt – sie wird besonders umweltschonend hergestellt. Nicht nur bei der Ernte gehen die Hersteller rücksichtsvoll vor, auch in der Produktion achten die ­Rudolstädter auf Umweltfreundlichkeit und verwenden beispielsweise nur organische Lösungsmittel. Sie setzen damit auf einen Trend: Viele Menschen achten nicht mehr nur beim Einkauf von Lebensmitteln auf gesunde und nachhaltige Produkte. Auch bei der Mode entziehen sie sich der Wegwerfmentalität und kaufen lieber Kleider für mehr als nur einen Sommer. Notfalls sparen sie dafür auch ein Weilchen.

Das finden wir gut! | 2 Kommentare
2 Kommentare
  1. Liebe Dorothea, man kann diese Stoffe auf ganz herkömmliche Art waschen.

  2. Sehr interessant!! Wie ist es aber mit dem Waschen? Das steht leider nicht in diesem Artikel..

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