UPCYCLING

Unsere Kolumnistin Thordis Rüggeberg macht sich Gedanken über einen Trend, der keiner ist.

Da gab es mal eine herrliche Zeit, in der ich schneller in die Höhe als in die Breite wuchs, das war in den 1970er Jahren im Ruhrgebiet. Also gingen Hosen und Röcke in die Verlängerung, Säume wurden „ausgelassen“, breite bunte Borten angesetzt, durchgescheuerte Knie bekamen Herzchen-Flicken, ausgeschnitten aus anderen Textilien. Meine Mutter besaß nicht nur eine Nähmaschine, sondern auch die Gelassenheit, meinen extravaganten Wünschen nachzugeben: links ein Kreis aus diesem Stoff, rechts ein Quadrat aus jenem. Mit Stolz trug ich diese herrlichen, aufgewerteten Kreationen und bedauerte all die armen Kinder, die zur Symmetrie gezwungen wurden.

Wir malten auf den Rückseiten alter Werbepost, bastelten Puppenmöbel aus Streichholzschachteln und Laternen aus Camembert-Dosen.

Weißes Papier war etwas für Büroangestellte, mit den teuren Zeichenblöcken (10 Blatt!) war bitteschön sparsam umzugehen. Aus der „Hobby-Ecke“ im Spielwarenladen durfte ich mir in der Vorweihnachtszeit etwas besonders Hübsches zum Basteln aussuchen.

Riesige, helle Läden voller feinster Pappen, Glitzer und Handarbeitszubehör gab es damals nicht, genauso wenig wie die Wörter Recycling und Upcycling. Aber die Idee dahinter existierte. Geschenkpapier und Schleifenbänder bügeln und säuberlich fürs nächste Mal aufbewahren. Knöpfe von alten Hemden abtrennen und in Marmeladengläsern sammeln. Im Winter die Schlittenkufen mit Kerzenstummeln wachsen.

Zwischendurch scheinen wir den Gedanken des Wiederverwertens aus den Augen verloren zu haben. Zu praktisch waren all die kostenlosen Plastiktüten, in die ungefragt unsere Einkäufe verstaut wurden, zu verlockend das Einweggeschirr für die Studentenpartys, zu leichtfertig ab in die Tonne mit allem. Die wurde schließlich regelmäßig geleert, und weg war das ganze!

Irrtum.

Vielleicht trudeln die Gabeln meiner Examensfeier in den 90ern immer noch in der Tiefsee herum, vielleicht habe ich sie in Form von Mikroplastik auch längst wieder zu mir genommen.

Keine schöne Vorstellung. Da gefällt mir die Geschichte der sprechenden Plastikgabel Forky aus Toy Story 4 doch sehr viel besser, die von sich selbst sagt: „Ich wurde für Suppen, Salate, vielleicht für ein Chili gemacht – und dann ab in den Abfall!“ – Und Woody widerspricht ihr: „Du bist das Lieblingsspielzeug eines kleinen Mädchens. Du wurdest gemacht, um eine glückliche Erinnerung zu werden, die ein Leben lang hält.“

Das nenne ich eine Upcycling-Geschichte mit Happy-End vom Feinsten. Dazwischen liegen nur zwei Wackelaugen, ein bisschen Chenilledraht, etwas Kleber – und Fantasie.

Das finden wir gut!, Leselounge | 5 Kommentare

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5 Kommentare
  1. finde ich gut.

  2. Diese wunderschönen Ohrringe im Vintage-Stil hatten schon ein Leben als Knöpfe, manche sind schon 100 Jahre alt. Ich habe sie in der alten Blechschachtel meiner Oma gefunden, in der sie ihre Knöpfe aufbewahrte. Als Kind habe ich damit gespielt, jetzt sind sie mein.
    Ich trenne die Ösen ab und schleife die Rückseiten etwas an, dann klebe ich sie auf Ohrringbrisuren aus Stahl oder Messing.
    Wenn sie klein sind, werden daraus bunte Knopf-Ohrstecker. Um sie auf Märkten zu verkaufen, kommen sie auf Trägerpappen in Wolkenform. Die stanze ich aus alten Bewerbungsmappen aus, die in meiner Firma sonst in den Müll gewandert wären.

  3. Diese Kaffeetüten waren mir viel zu schade für den gelben Sack. Ich habe daraus eine sehr edle und schöne Shopper-Tasche genäht, die Beim Einkaufen alle Blicke auf sich zieht. Zudem kamen durch diese Tsche schon sehr nette Gespräche zustande, weil viele mich nach dem Händler gefragt haben. ;-)

    Barbara (Bastelhexe) 19. Oktober 2021 um 10:38 Uhr
  4. Ich bin schon als Upcycling-Fan geboren! Für uns gelernte DDR-Bürger war up- und recyceln der Mangelwirtschaft geschuldet. Was den Vorteil hatte, dass unsere Kreativität sehr befördert wurde. Kleidung wurde nicht einfach entsorgt, sondern weitergereicht, in der Regel war die Qualität voll in Ordnung. Erst wenn wirklich abgenutzt oder unbrauchbar, wanderten Textilien zum Altstoffhändler. Da gab’s noch etwas Geld dafür. Die Lumpen wurden industriemäßig weiterverarbeitet zu Putzlappen, Toilettenpapier etc. Vorher wurden alle noch gebräuchlichen Teile abgebaut: Reißverschlüsse, Knöpfe. Zu kurz gewordene Strickkleidchen wurden einfach abgeschnitten, aus dem Ab-Schnitt neue Bündchen an die Ärmel gesetzt und zack: fertig der neue Pullover. Freundinnen von mir trugen ihre zu kurz gewordenen Hosen auf: verlängert mit farbigen Aufschlägen. Sehr individuell. Ein gut erhaltener Mantel wurde umgearbeitet zur Jacke. Aufgepeppt mit schicken neuen Knöpfen oder einem auffälligen Reißverschluss. Mitunter wurde Kleidung auch einfach mal umgefärbt. Mir gefällt es auch heute noch, Dinge nicht einfach wegzuwerfen, sondern einer neuen Bestimmung zu übergeben. Der alte Gartenstuhl, auf dem keiner mehr sitzen mag, ist neu gestrichen und mit einer Pflanzschale versehen, ein echter Hingucker an exponierter Stelle im Garten!
    Alte Jeans habe ich aufgetrennt, ausgeschnitten, Teile neu zusammengefügt zu einem großen Stück und daraus einen prima Rock genäht. Für einen ähnlichen Recycling-Rock verlangt ein Luxuslabel einen vierstelligen Preis. So macht Wiederverwertung richtig Spaß.

    Petra Müller-Peter 19. Oktober 2021 um 10:09 Uhr
  5. Ein Trend, der keiner ist. Wie wahr. Ich bin in den 60ern und 70ern groß geworden und weiß genau, was du meinst. Genau deswegen bekommen bei mir viele Dinge im Haushalt ein verlängertes Leben oder die Chance auf ein neues. Weil ich es noch gewohnt bin. Für jüngere Menschen ist der Zugang zum Upcycling Kosmos sicher schwieriger. Darum müssen WIR Anregungen geben. 😎 Herzlichst Karin

    Karin Lechner (vonKarin) 19. Oktober 2021 um 07:04 Uhr

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