Wer schon einmal Baumwollkordel gekauft hat, kennt diese kleine Falle: Man sucht eine Farbe aus, freut sich über exakt den richtigen Grünton und bekommt dann die entscheidende Fragegestellt: 2 mm? 3 mm? 5 mm? 7 mm? Fünf Millimeter klingen zunächst nicht nach einer Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Beim fertigen Projekt sieht das anders aus. Denn die Stärke der Kordel entscheidet mit darüber, ob ein Makramee fein oder kräftig wirkt, ein Korb Stand bekommt und aus einer kleinen Tasche nicht versehentlich eine Weekender wird.
Baumwollkordeln sind ein bisschen wie Nudeln. Die Zutaten können nahezu gleich sein und trotzdem käme niemand auf die Idee, Lasagneplatten und Spaghetti seien im Grunde dasselbe. Bei Kordeln wird der Durchmesser gern als wichtiges Detail behandelt. Denn er beeinflusst Optik, Haptik, Materialverbrauch und nicht zuletzt die eigenen Hände.
Ein Blick auf ein typisches Sortiment zeigt, wie groß die Bandbreite ist: Dort gibt es Baumwollkordeln von 2 bis 7 mm, bei 5 mm sogar wahlweise mit Baumwoll- oder Polyesterkern. Hinzu kommen mehrfarbige Varianten und Kordeln mit eingearbeitetem Metallfaden.
Dünn kann viel. Dick aber auch.
2 mm sind gut, wenn es feiner werden soll. Kleine Makramee-Projekte, Anhänger oder Armbänder profitieren davon, dass die Kordel nicht sofort das ganze Motiv übernimmt. Sie lässt sich außerdem gut häkeln oder verarbeiten, wenn viele Maschen beziehungsweise Knoten auf engem Raum untergebracht werden sollen. Experten empfehlen 2-mm-Baumwollkordel neben Makramee beispielsweise auch für Tischsets und Teppiche.
3 mm sind ein ziemlich guter Mittelweg. Die Kordel ist präsent, ohne gleich massiv zu wirken. Für Makramee, kleinere Taschen, Pflanzenampeln oder dekorative Projekte ist das eine angenehme Stärke. Auch Muster bleiben gut erkennbar. Wer zum ersten Mal mit Baumwollkordel arbeitet und noch nicht genau weiß, wohin die Reise geht, kann mit 3 mm nicht so viel falsch machen.
Bei 5 mm wird es deutlich plastischer. Knoten werden größer, gehäkelte oder geknüpfte Flächen kräftiger und das Projekt wächst sichtbar schneller. Das macht diese Stärke interessant für Körbe, Taschen oder größere Wohnaccessoires. Allerdings wächst mit dem Durchmesser auch der Materialbedarf pro Masche oder Knoten. „100 Meter“ klingt auf einer Rolle nach einer ausgesprochen großzügigen Menge. Ein Korb kann dazu eine andere Meinung haben.
Und 7 mm? Die darf gesehen werden. Solche Kordeln eignen sich für Projekte, bei denen Struktur ausdrücklich Teil des Entwurfs ist: große Körbe, z. B. fürs Kaminholz, Läufer, Fussmatten, Teppiche oder andere Arbeiten, die nicht filigran wirken sollen.
Als grobe Faustregel kann man sich deshalb merken: Je kleiner und detailreicher das Projekt, desto dünner darf die Kordel sein. Je größer, flächiger und stabiler es werden soll, desto interessanter werden die kräftigen Stärken.
Und was hat der Kern damit zu tun?
Der Durchmesser ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Mindestens genauso interessant ist der Aufbau der Kordel.
Baumwollkordel kann einen Kern besitzen, um den die Baumwollfasern gearbeitet sind. Man findet bei den 5-mm-Kordeln beispielsweise Varianten mit Baumwollkern und solche mit Polyesterkern. Das sollte man beim Einkauf nicht übersehen, denn zwei Kordeln mit derselben Millimeterangabe müssen sich deshalb beim Verarbeiten nicht identisch anfühlen.
Für die Projektplanung lohnt es sich deshalb, nicht nur auf die Zahl vor „mm“ zu schauen, sondern die Kordel tatsächlich als Material zu betrachten. Wie fest ist sie? Wie stark lässt sie sich zusammendrücken? Soll das fertige Stück weich fallen oder seine Form behalten? Und möchte ich die Enden später ausfransen?
Gerade beim klassischen Makramee ist die letzte Frage wichtig. Wer lange, weiche Fransen auskämmen möchte, braucht ein Material, das sich dafür eignet. Bei einer formstabilen Kordel mit Kern steht dagegen häufig die klare Kontur im Vordergrund. Das kann für Körbe und Taschen genau richtig sein, für einen federleichten Fransenbehang eher nicht.
Auch die Farbe verändert übrigens die Wirkung stärker, als man denkt. Eine dicke Kordel in dunkler Farbe wirkt optisch massiver als dieselbe Stärke in Natur oder Ecru. Mehrfarbige Kordeln bringen ihr Muster gleich selbst mit, während Varianten mit Lurexfaden kleine Glanzpunkte setzen. (Wann ist endlich Weihnachten?)
Deshalb würde ich vor dem nächsten Projekt nicht zuerst fragen: Welche Farbe möchte ich? Sondern: Was soll das fertige Stück können?
Soll es fein sein, weich fallen, viele kleine Knoten zeigen? Dann eher dünner anfangen. Soll es Volumen bekommen, Form halten und sichtbar Struktur zeigen? Dann darf die Kordel kräftiger werden. Und wenn du zwischen zwei Stärken schwankst, hilft ein kleiner Probeknoten oder eine gehäkelte Probe mehr als zwanzig Produktfotos, so wie die Maschenprobe beim Stricken …
In diesem Sinne – fröhliches Knüpfen!
Schon gewusst? Eine kleine Geschichte des Kordelmachens
Das Kordelmachen gehört zu den ältesten textilen Techniken überhaupt. Lange bevor jemand auf die Idee kam, damit dekorative Wandbehänge zu knüpfen, wurden Pflanzenfasern, Bast, Wolle oder Tierhaare miteinander verdreht, um daraus Schnüre und Seile herzustellen. Das Prinzip ist bis heute dasselbe: Einzelne Fasern oder Fäden werden zunächst in eine Richtung gedreht und anschließend miteinander verzwirnt. Durch die gegensätzliche Drehung hält das Ganze zusammen und wird erstaunlich belastbar.
Später wurde daraus ein eigenes Handwerk. In der Seilerei entstanden lange Seile auf sogenannten Reeperbahnen (Hallo Hamburg!), während feinere Schnüre und Kordeln unter anderem für Kleidung, Posamenten und dekorative Zwecke gefertigt wurden. Dafür kamen auch spezielle Kordelmaschinen zum Einsatz, bei denen mehrere Fäden gleichmäßig miteinander verdreht werden können.
Das Interessante daran: Wenn wir heute mit einer Baumwollkordel einen Korb oder eine Tasche häkeln oder Makramee knüpfen, arbeiten wir mit einem Material, dessen Herstellungsprinzip sich über Jahrtausende erstaunlich wenig verändert hat. Nur die Farbauswahl ist inzwischen deutlich größer geworden.
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