Spuren der Zeit. Die Ausbildung zum Restaurator

Spuren der Zeit. Die Ausbildung zum Restaurator

Wer hierzulande Restauratorin oder Restaurator für Möbel und Holzobjekte werden möchte, lernt historische Handwerkstechniken ebenso kennen wie moderne Untersuchungsmethoden. Gearbeitet wird mit wertvollen Materialien und an Objekten, bei denen ein falscher Handgriff keine zweite Chance bekommt.

TEXT: Judith Strussenberg, FOTO: Goering Institut

(HINWEIS: Dieser Beitrag erschien zuerst im Handmade-Kultur-Magazin und wurde für die Onlineveröffentlichung fachlich aktualisiert (7/2026). Personenbezogene Angaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der ursprünglichen Veröffentlichung im Jahr 2014.)

Es ist ganz still in der Werkstatt. Nur hier und da sind ein Murmeln, leises Hämmern, vorsichtiges Schaben und Hobeln zu hören. Die Studierenden arbeiten konzentriert. Jeder Handgriff muss sitzen.

An den Werkstattplätzen sichern angehende Restauratorinnen und Restauratoren gemeinsam mit ihren Lehrkräften historische Möbel und Holzobjekte. Sie stoppen den Verfall, ergänzen Fehlstellen und stabilisieren beschädigte Teile. Die Spuren der Zeit sollen dabei nicht einfach verschwinden. Ein alter Schrank darf alt aussehen. Er soll nur nicht vor lauter Würde auseinanderfallen.

Für diese Arbeit braucht es handwerkliches Geschick und umfangreiches theoretisches Wissen. Welche Holzarten, Farben, Lacke und Klebstoffe wurden in einer bestimmten Epoche verwendet? Welche Arbeitstechniken waren üblich? Welche Veränderungen stammen aus späteren Jahrhunderten? Und wie bekommt man ein klemmendes Türschloss wieder in Gang, ohne das historische Beschlagwerk dabei in einen Haufen bedauerlicher Einzelteile zu verwandeln?

Solche Fragen gehören zum Alltag an der staatlich anerkannten Fachakademie für Restauratorenausbildung des Goering Instituts in München. Das dreijährige Studium verbindet praktische Arbeit mit Kunstgeschichte, Naturwissenschaften, Fachtechnologie und Dokumentation. Etwa die Hälfte der Studienzeit entfällt auf die angewandte Restaurierung. Nach erfolgreicher Abschlussprüfung führen die Absolventinnen und Absolventen die Berufsbezeichnung „Staatlich geprüfte Restauratorin für Möbel und Holzobjekte“ beziehungsweise „Staatlich geprüfter Restaurator für Möbel und Holzobjekte“. Zusätzlich wird der Abschluss Bachelor Professional (Technik) verliehen. 

Gelernt wird also nicht nur an der Werkbank. Auf dem Stundenplan stehen unter anderem Chemie, Biologie, Möbelkunde, Skulpturenkunde, historische und moderne Materialien, Holzbestimmung, Dokumentation und technisches Zeichnen. Theorie und Praxis greifen dabei eng ineinander. Wer eine alte Oberfläche behandelt, sollte schließlich wissen, womit er es zu tun hat. Bauchgefühl ist in der Restaurierung willkommen, sofern es vorher eine Materialanalyse gemacht hat. 

Institutsleiter Bernhard Kügler bringt es auf den Punkt: Der Beruf ist abwechslungsreich, verbindet Handwerk und Forschung und verlangt die Bereitschaft, ständig weiterzulernen. Zuweilen gleicht die Arbeit der eines Detektivs. Dann müssen alte Rezepte für Farben oder Lacke rekonstruiert, frühere Reparaturen erkannt oder Herkunft und Herstellungsweise eines Möbels ermittelt werden. Auf jedes Ergebnis folgt meist eine neue Frage. Historische Möbel sind auf diesem Gebiet ausgesprochen mitteilsam, allerdings selten in ganzen Sätzen.

Zum Zeitpunkt des ursprünglichen Porträts war Verena K. im zweiten Ausbildungsjahr. Die damals 30-Jährige restaurierte sieben vergoldete Wandleuchter. Die Jahrhunderte hatten die Stücke dunkel werden lassen. Hier und da fehlten Teile, außerdem war etwas von dem hauchdünnen Blattgold abgeplatzt.

Um die Fehlstellen auszubessern, hatte sich Verena K. an einen ruhigen Ort ohne Zugluft zurückgezogen. Dort nahm sie das kostbare Arbeitsmaterial vorsichtig aus seiner Verpackung. Die Goldplättchen waren so dünn, dass Licht hindurchschien. Schon ein unbedachter Atemzug hätte gereicht, um das Blattgold auf eine kleine Werkstattreise zu schicken.

Bis der Besitzer seine Leuchter zurückbekommen konnte, sollte etwa ein Dreivierteljahr vergehen. Durchhaltevermögen sei deshalb unverzichtbar, erklärte Verena K. damals. Ebenso wichtig seien Neugier, gestalterisches Verständnis und Vorkenntnisse in der Holzverarbeitung.

Sorgsam aufgereiht standen die bereits bearbeiteten Leuchter nebeneinander. Der Unterschied zu den noch unbehandelten Exemplaren war deutlich zu sehen. Wie neu wirkten sie trotzdem nicht.

Das war Absicht.

Restaurierung bedeutet nicht, ein altes Objekt so lange zu überarbeiten, bis es seine Vergangenheit erfolgreich verleugnet. Im Mittelpunkt stehen der Erhalt des Originals und der Respekt vor seiner Geschichte. Vor jedem Eingriff wird deshalb geprüft, welche Substanz vorhanden ist und welche Maßnahmen tatsächlich nötig sind. Grundsätzlich soll so wenig wie möglich verändert werden. Ergänzungen dürfen keine falsche historische Echtheit vortäuschen. Außerdem sollten Eingriffe möglichst reversibel sein, sich also später wieder rückgängig machen lassen. 

Das ist besonders wichtig, weil frühere Reparaturen nicht immer zimperlich mit den Objekten umgingen. Was einst gut gemeint war, kann Jahrzehnte später zum Problem werden. Moderne Klebstoffe, grobe Ergänzungen oder flächige Überarbeitungen lassen sich teilweise nur schwer entfernen. Restauratorinnen und Restauratoren arbeiten deshalb nicht nur gegen Alterung und Schäden, sondern gelegentlich auch gegen die beherzten Verbesserungsversuche ihrer Vorgänger.

Nicht jedes Restaurierungsobjekt lässt sich auf eine Werkbank stellen. Auch historische Treppen, Holzdecken, Raumausstattungen, Chorgestühle und Apothekeneinrichtungen können zum Arbeitsfeld gehören. Dann verlassen die Studierenden die Werkstätten und arbeiten direkt am Objekt. Zur Ausbildung gehören neben Untersuchungsmethoden und Konservierung auch solche praktischen Projekte. 

Nach dem Abschluss arbeiten Restauratorinnen und Restauratoren beispielsweise in Museen, spezialisierten Werkstätten, Einrichtungen der Denkmalpflege oder selbstständig. Manche vertiefen ihr Wissen anschließend in einem weiterführenden Studium. Auch Verena K. plante damals, Kunstgeschichte zu studieren und sich später auf die Restaurierung von Büchern zu spezialisieren.

Der Beruf verlangt handwerkliche Sicherheit, naturwissenschaftliches Verständnis und kunsthistorisches Wissen. Vor allem aber verlangt er Zurückhaltung. Eigene Gestaltungsideen müssen hinter dem Objekt zurückstehen. Der Tisch braucht keine neue Persönlichkeit. Er bringt bereits eine mit.

Fakten zum Studium

Das Studium an der staatlich anerkannten Fachakademie für Restauratorenausbildung des Goering Instituts in München dauert drei Jahre und findet in Vollzeit statt.

Der Abschluss lautet:

Staatlich geprüfte Restauratorin für Möbel und Holzobjekte
beziehungsweise
Staatlich geprüfter Restaurator für Möbel und Holzobjekte

Zusätzlich wird der Abschluss Bachelor Professional (Technik) verliehen. Mit dem Abschluss wird außerdem die Hochschulzugangsberechtigung erworben. 

Für die Aufnahme gelten je nach schulischer und beruflicher Vorbildung unterschiedliche Voraussetzungen. Erwartet werden ein mittlerer Schulabschluss oder Abitur sowie eine einschlägige handwerkliche Ausbildung beziehungsweise ein fachbezogenes Praktikum. Abiturientinnen und Abiturienten können sich unter bestimmten Voraussetzungen mit einem einjährigen restauratorischen Praktikum bewerben. Zum Bewerbungsverfahren gehört außerdem ein Eignungsverfahren. Das Studium beginnt jeweils im September, Bewerbungen sind fortlaufend möglich. 

Weitere Informationen: Goering Institut München.

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