Spuren der Zeit. Die Ausbildung zum Restaurator

Wer hierzulande Restaurator werden will, erlernt altes Handwerkswissen, arbeitet mit edlen Materialien und kann sicher sein, dass alles, was er in die Hand nimmt, ein Unikat ist und bleibt.

TEXT:  Judith Strussenberg, FOTO: Goering Institut

Es ist ganz still in der Werkstatt, nur hier und da ist ein Murmeln zu hören, ein leises Hämmern, vorsichtiges Schaben und Hobeln. Die jungen Frauen und Männer arbeiten konzentriert, jeder Handgriff muss sitzen. An den Werkstattplätzen
verhelfen angehende Restauratoren und ihre Lehrer alten Möbeln wieder zu ihrer einstigen Schönheit – mit viel Liebe zum Detail. Sie stoppen ihren Verfall, wollen die Spuren der Zeit aber nicht verstecken. Um bei ihrer Arbeit keine der prunkvollen Kommoden, Tische oder Uhren durch einen falschen Handgriff zu zerstören, braucht es viel handwerkliches Geschick und theoretisches Wissen: Welche Holzarten, Farben, Lacke und Kleber verwendeten Schreiner und Maler in einer bestimmten Epoche? Welche Handwerkstechniken waren gängig, und wie
bekommt man ein altes, klemmendes Türschloss wieder fit? Das alles lernen 28 Studenten derzeit an der Fachakademie für Restauratorenausbildung, dem Goering Institut in München.
Gelernt wird aber nicht nur in der Werkstatt, sondern auch auf der Schulbank. Abwechselnd
pauken die Studenten je eine Woche Kunstgeschichte, naturwissenschaftliche Grundlagen, Konservierung und Restaurierung, Farbgestaltung, Wirtschaft, Kunststudien und Fachtechnik, dann arbeiten sie wieder eine Woche an der Werkbank. »So sammeln die Studierenden in den drei Ausbildungsjahren schon einiges an Restaurierungserfahrung«, erklärt Direktor Bernhard Kügler. Was für ihn den Beruf des Restaurators ausmacht? Da muss Kügler nicht lange überlegen. »Man hat mit schönen Dingen zu tun, die Arbeit ist sehr abwechslungsreich, es gibt viel Kundenkontakt, und schließlich lernt man in diesem Beruf auch nie aus«, sagt er. Zuweilen gleicht die Arbeit des Restaurators auch der eines Detektivs, etwa wenn es gilt, alte Rezepte für Farben oder ­Lacke nachzumischen oder den Schreiner eines bestimmten Möbels herauszufinden. Dann ist Recherchieren, Forschen und Tüfteln angesagt.
Verena Kobel ist im zweiten Ausbildungsjahr. Die 30-Jährige richtet gerade sieben goldüberzogene Wandleuchter wieder her. Die Jahrhunderte haben die Stücke dunkel werden lassen, hier und da fehlt ein Stück. Und etwas von dem hauchdünnen Blattgold ist abgeplatzt. Um die Fehlstellen auszubessern, hat sich die Studentin an einen ruhigen Ort zurückgezogen – ohne Zugluft. Hier nimmt Verena das kostbare Arbeitsmaterial mit einer Pinzette vorsichtig aus seiner Verpackung. Die Goldplättchen sind so hauchdünn, dass Licht durchscheint. Bis der Besitzer seine Leuchter wiederhaben kann, wird ein Dreivierteljahr vergehen. »Deshalb ist auch Durchhaltevermögen in diesem Beruf wichtig«, sagt Kobel. Und: Neugierde, Kreativität, etwas Talent und Vorkenntnisse in der Holzverarbeitung.
Sorgsam aufgereiht stehen die bereits bearbeiteten Exemplare der Lüster nebeneinander. Der Unterschied zu den unbearbeiteten ist deutlich sichtbar, aber wie neu sehen sie trotzdem nicht aus. »Absicht«, sagt Schulleiter Kügler. Den Kunstobjekten darf, ja, soll man ihr Alter ansehen. Kügler und seinem studentischen Team geht es vor allem darum, das Vorhandene zu sichern und zu erhalten. Die Vorgehensweise ist dabei von Stück zu Stück ganz verschieden. »Und die Reparaturen sollen zur Not auch wieder rückgängig zu machen sein«, so Kügler, »denn früher wurden oft große Fehler gemacht, die wir heute kaum noch ausbessern können.«
Nicht jedes Restaurationsobjekt lässt sich auf eine Werkbank stellen; auch Treppen und Holz­decken gehören zu den Projekten eines Restaurators. Die Auszubildenden verlassen deshalb regelmäßig die Werkstatt in der Giselastraße, um vor Ort zu arbeiten: an einem Chorgestühl in Breslau, an der Holzdecke eines Fugger-Schlosses oder an einer historischen Apothekeneinrichtung.
Mehr als die Hälfte der Absolventen des Instituts arbeiten nach ihrem Abschluss als freiberufliche Restauratoren. Entweder in der eigenen Werkstatt oder vor Ort beim Auftraggeber. Viele von ihnen können sich aber auch vorstellen, nach der Ausbildung noch ein Studium ranzuhängen, z. B. das der Kunstgeschichte. Das hat auch Verena Kobel vor. Ihr Ziel: Sie möchte Buchrestauratorin werden.

Fakten zur Ausbildung:
Die Ausbildung zum staatlich geprüften Restaurator für Möbel und Holzobjekte am Goering Institut dauert in der Regel drei Jahre und findet in Vollzeit statt. Voraussetzungen sind mindes­tens die Mittlere Reife und eine Ausbildung in einem Holz verarbeitenden Handwerk oder ein fachbezogenes Praktikum. Die Ausbildung beginnt jeweils im September, eine Anmeldung ist ganzjährig möglich.

http://www.restaurierung-goering.de

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