Beim Singen sind wir erstaunlich schmerzfrei. Unter der Dusche reicht die Begabung locker für drei Zugaben. Beim Tanzen hilft gedimmtes Licht. Aber beim Malen? Da genügt ein weißes Blatt, und erwachsene Menschen stellen mit bemerkenswerter Entschlossenheit fest: „Kann ich nicht.“ Vielleicht liegt das Problem gar nicht beim Können. Vielleicht haben wir nur vergessen, dass man Kreativität üben darf. Und dass ein paar Zahlen dabei durchaus hilfreich sein können.
Kinder kennen dieses Problem nicht. Drück einem Vierjährigen einen Pinsel in die Hand, und er wird nicht fragen, ob er genügend Talent besitzt. Er malt einfach. Einen Hund, der aussieht wie eine Kartoffel mit Beinen. Oma Heidi mit grünen Haaren. Das Haus schwebt über dem Boden, die Sonne trägt Wimpern … na, ihr kennt das ja.
Irgendwann passiert dann etwas Merkwürdiges. Wir lernen, dass Dinge „richtig“ aussehen müssen. Plötzlich soll ein Pferd wie ein Pferd aussehen. Perspektive kommt ins Spiel. Licht und Schatten. Proportionen. Und spätestens wenn jemand neben uns scheinbar mühelos ein Gesicht zeichnet, während bei unserem Porträt zwar zweifelsfrei ein Mensch gemeint war, mehr aber auch nicht, fällt der verhängnisvolle Satz: „Ich kann einfach nicht malen.“ Dabei bedeutet er meistens etwas ganz anderes. Ich kann noch nicht so malen, wie ich finde, dass ein Bild aussehen sollte. Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Kreativität mit Stützrädern
Genau deshalb finde ich Malen nach Zahlen als Einstieg ins Malen interessanter, als sein Ruf vermuten lässt. Ja, die Flächen sind vorgegeben. Ja, die Farben haben Nummern. Und nein, man muss nicht morgens um fünf von einer Muse geküsst worden sein. Das ist kein Mangel. Das ist der Trick. Denn wer nach einer Vorlage malt, muss nicht gleichzeitig Motiv, Komposition, Proportionen und Farbpalette erfinden. Diese Entscheidungen sind bereits gefallen. Der Kopf hat also Kapazitäten für etwas anderes: fürs Malen selbst.
Wie viel Farbe gehört eigentlich auf den Pinsel? Wie bekommt man eine Fläche gleichmäßig hin? Wann deckt Acrylfarbe beim ersten Auftrag und wann braucht sie eine zweite Runde? Was passiert an den Rändern? Wie malt man eine winzige Fläche, ohne nebenbei die Nachbarparzelle zu annektieren? Und irgendwann bemerkt man etwas, das viel spannender ist als die Zahlen: Farben verändern sich durch ihre Umgebung. Ein Grau kann neben Blau plötzlich warm wirken. Zwei fast identische Grüntöne erzeugen Tiefe. Eine dunkle Fläche macht die helle daneben heller, obwohl man an ihr überhaupt nichts verändert hat. Das sind keine Malen-nach-Zahlen-Tricks. Das sind Grundlagen der Malerei. Nebenbei trainiert man die Hand. Feine Pinselstriche werden sicherer, die Dosierung der Farbe selbstverständlicher und der Blick genauer. Vor allem aber passiert etwas Entscheidendes: Man produziert nicht dauernd dieses kleine innere „Falsch!“, das ein leeres Blatt so zuverlässig hervorrufen kann. Man malt einfach weiter. Und das ist erstaunlich befreiend.
Und wann kommen die Zahlen weg?
Hier wird es für mich besonders interessant. Natürlich kann man ein solches Bild exakt nach Vorlage fertigstellen. Man kann den Malraum aber auch erweitern. Wer sich sicherer fühlt, kann anfangen, kleine Entscheidungen selbst zu treffen. Vielleicht bekommt der Himmel einen anderen Blauton. Vielleicht mischt man zwei vorhandene Farben und setzt zusätzliche Schatten. Vielleicht stört diese eine Fläche, also wird sie kurzerhand übermalt: Revolution! Die 17 ist verschwunden. Als nächsten Schritt kann man versuchen, harte Übergänge zwischen zwei Flächen zu verblenden oder einzelne Details frei hinzuzufügen. Ein paar Gräser. Mehr Licht. Ein anderer Hintergrund. Plötzlich folgt man der Vorlage nicht mehr nur, sondern arbeitet mit ihr.
Und genau dort können die Stützräder langsam ab. Eine schöne Übung für danach: Das fertige Bild wegstellen und ein kleines Detail daraus noch einmal frei malen. Nicht das ganze Motiv. Nur eine Blüte, ein Blatt, ein Fenster, eine Wolke. Diesmal ohne Linien und Nummern. Wer möchte, legt sich die verwendeten Farben daneben. Sehr wahrscheinlich wird das Ergebnis nicht genauso aussehen. Sehr gut. Denn Malenlernen bedeutet nicht, irgendwann fehlerfrei auszumalen. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen und herauszufinden, was passiert, wenn man ihnen mit dem Pinsel folgt.
Wir sollten diesen Satz aus unserem kreativen Wortschatz streichen: „Ich kann nicht malen.“ Er ist ohnehin viel zu endgültig für etwas, das man lernen kann. Stattdessen vielleicht das hier: „Ich habe lange nicht gemalt.“ Ich finde, das klingt geradezu nach einer Einladung …
In diesem Sinne – malt euch das Leben so bunt, wie ihr es haben wollt!
Eure Dörte
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