Du grünst so grün – Grün

Die Grüne ist ein blutjunges Ding, eher unscheinbar, ein Mädchen von nebenan sozusagen, mit einem natürlichen Wesen und alles in allem noch ein bisschen grün hinter den Ohren. Wenn sie an einem vorbeigeht, duftet sie wie eine Blumenwiese und manchmal geheimnisvoll wie ein verwunschener Wald. Alles an ihr ist am Werden und jedem Frühsommer schaut sie erwartungsvoll entgegen. Ist es dann endlich so weit, kleidet sie sich in strahlendes helles Apfelgrün und betört jeden mit hoffnungsvollen Blicken! Grün: Das ist Hoffnung, Frische, Gedeih, aber auch Verderb?

Der Urwald ist die grüne Lunge der Erde. Er spendet Leben und bewahrt es. Das Urwüchsige aber in ihm verschlingt alles mit seiner urgewaltigen Kraft, die nur der unbändigen Natur zu eigen ist. Grün ist kräftig! Die Hobbygärtnerin unter uns hat einen »grünen Daumen«, die Städter fahren »ins Grüne«, und lobt man etwas »über den grünen Klee«, ist man von einer Sache besonders angetan.

Grün ist nicht nur die Farbe einer Partei in Deutschland, sondern auch eine Denkweise, die weltweit ein komplettes Umdenken in Sachen Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Energie und Ernährung in Gang setzte und das Ziel verfolgt, Ökologie, Ökonomie und Soziales miteinander in Einklang zu bringen. Immergrüne Pflanzen symbolisieren Erneuerung und ewiges Leben. Zu Weihnachten schmückt daher ein Tannenbaum unser Haus, und zur Geburt eines Kindes pflanzen wir einen Lebensbaum. Der Palmzweig, den man auf vielen Grabsteinen und Trauerkarten findet, ist ein religiöses Symbol. Es erlöst die toten Seelen von ihren Sünden und verheißt Wiedergeburt. Die Karwoche zu Ostern beginnt mit dem »Grünen Sonntag«, dem Palmsonntag. An diesem Tag wird der Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert. Zum Zeichen seiner Macht jubelte das Volk mit Palmzweigen.

Ein Sprichwort bringt es auf den Punkt: »Je dürrer die Zeit, desto grüner die Hoffnung.« Grün ist also auch die Farbe der Zuversicht. Es keimt und wächst im Frühling – nach einer langen Winterpause. Auf Monate der Kargheit und Entbehrung folgen nun wieder Üppigkeit und Energie.

Bei den Römern trug Venus, die Göttin der Liebe, keine roten Gewänder, sondern grüne. Auch in der mittelalterlichen Minnedichtung symbolisierte Grün den Beginn einer Liebe, denn Gefühle brauchen Zeit und keimen langsam. Frau Minne tat es Venus gleich und legte ebenfalls nur grüne Kleider an. Mit »Rück’ an meine grüne Seite!« forderte man den anderen auf, den Platz links neben sich einzunehmen, denn das ist die gute Seite, gleich neben dem Herzen. »Einander nicht grün sein« bedeutet dementsprechend: Man kann sich nicht leiden.

Wachstum und Reife kündigen sich in der Natur mit hellem Grün an. Daher ist Grün auch die Farbe der Jugend und der Unreife. Mit einem »grünen Mädchen« meinte man früher eine junge, unverheiratete Frau. Ein »grüner Junge« ist längst noch kein Mann und vertritt unreife Ansichten. Und der »Grünschnabel«, oder auch das »Greenhorn«, meinen die grünliche Haut, die den Schnabel junger Vögel überzieht.


Die Bezeichnung »Giftgrün« stammt von grünem Obst, das unreif meist noch ungenießbar ist. Das schönste Grün, das man in der Malerei kannte, war das Smaragdgrün, auch »Schweinfurter Grün« oder »Französisch Grün« genannt. Es wurde aus Kupfergrünspan hergestellt, der in Arsen gelöst wurde. Grünspan und Arsen sind extrem giftig und waren bis zum 20. Jahrhundert Bestandteil beinahe aller grünen Farben. Auf feuchten Untergründen verdampfen sie besonders schnell.

Napoleon wurde seine Lieblingsfarbe zum Verhängnis. Die Räume seines Exils auf der Insel St. Helena im Südatlantik waren allesamt grün tapeziert. Als Chemiker vor Jahren seine sterblichen Überreste analysierten, stellten sie in Haar und Fingernägeln eine hohe Konzentration an Arsen fest. Offensichtlich hatte sich im feuchten Klima der Insel das Arsen aus den Tapeten, Stoffen und Möbelbezügen gelöst. Napoleon starb mit 52 Jahren nach einem sechsjährigen Aufenthalt auf der Insel (1815–1821) an einer schleichenden Arsenvergiftung …
Stoff konnte natürlich auch rein pflanzlich grün eingefärbt werden, zum Beispiel mit den frischen Blättern von Birke, Erle und Apfelbaum, Schafgarbe oder Heidekraut. Dafür fertigte man sich einfach einen Sud an und ließ den Stoff anschließend stundenlang darin köcheln. Das war einfach und billig und auch ein Grund dafür, warum Grün nie für festliche Kleidung verwandt wurde. Grün ist die selbstständigste der Sekundärfarben. Anders als Violett, das immer an seine Ursprungsfarben Blau und Rot erinnert, denkt man bei Grün selten an Gelb und Blau. Zwölf Prozent der Männer und zwölf Prozent der Frauen lieben Grün!

PDF-Download des Artikels aus dem Handmade Kultur Magazin, Ausgabe 08/2012.

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