Von einer die auszog, das Sticken zu lernen ...und was daraus geworden ist Puuh... Bereits seit meiner Kindheit habe ich mich ganz intensiv mit allen Arten der Hand-Arbeit beschäftigt. Angeregt durch ein künstlerisch vorbelastetes Elternhaus und eine engagierte Handarbeitslehrerin, habe ich versucht, nach meiner Schulzeit daraus einen Beruf zu machen. Leider musste ich jedoch feststellen, dass bei uns in Deutschland die Möglichkeiten hierzu sehr begrenzt sind und es eigentlich nur zwei Alternativen gibt: entweder die Paramentenstickerei, die stark konfessionell gebunden ist oder die Kunsthochschule, die die Akzentuierung für meine Vorstellung zu sehr auf Design und nicht auf Technik legt. So habe ich in Mutters Stübchen weitergewerkelt und mir so viel Wissen wie möglich aus Büchern geholt. In der Praxis habe ich dies dann während Praktika in verschiedenen sozialen Einrichtungen eingesetzt und hierbei schon deutlich erkennen können, welche therapeutische Wirkung Handarbeit haben kann. Vor allem das Sticken hat mich von Anfang an fasziniert, und ich war recht traurig, daß die ehemalige Kunst des Stickens heutzutage mehr oder weniger auf Kreuzstich oder Gobelinarbeiten reduziert ist und man nur schwer an Informationen über die Hohe Kunst des Stickens herankommt. Leicht beschämt habe ich später nachgelesen, dass der „Abstieg“ von der anerkannten Stick-Kunst zur weithin als profaner Wohnzimmer-Aktivität mit schlechtem Image verschrieenen Hausfrauenbeschäftigung hauptsächlich bedingt war durch die gedruckten Vorlagen der Berliner Wollstickereien. Im Mittelalter war Deutschland noch eine blühende Hochburg der professionellen Stickerei- wie sich die Zeiten ändern. Und dann hat die „Fügung“ zugeschlagen. 5 Jahre hat mein Ehemann gebraucht, mich zu einem Ur-laub in England zu überreden - wer weiss , ob er seither nicht schon manches mal gewünscht hat, er hätte mich nicht überredet...! Wir besuchten viele alte Herrschaftshäuser im Südwesten des Landes und dort wurde ich zum ersten Mal mit der Vielseitigkeit des Stickens konfrontiert. Unter anderem besuchten wir auch das "Montecute-House" in Kent, das eine laufende Ausstellung historischer und zeitgenössischer Stickereien und Spitzen unterhält und gerade eine Sonderausstellung mit alten Mus-tertüchern aus dem Schulunterricht vergangener Zeiten beherbergte. Jeder Liebhaber der feinen Na-del-Arbeit weiß, welches Schatzkästlein Großbritannien in dieser Richtung ist - doch diese Sammlung übertraf alles, was mir bis dahin untergekommen war. Und immer wieder tauchte der Name "Royal School of Needlework" auf. Nach vielen vergeblichen Fragen fand ich endlich heraus, dass die Schu-le, sollte sie noch existieren, in London sein müsste. Ich kann bis heute nicht sagen, welches Teufel-chen mir ins Ohr geflüstert hat, das ist dein Ding - doch es hatte recht! Einige Zeit später reiste ich zu einem ersten Gespräch nach London - und kam mit leuchtenden Augen und der Aussicht auf ein Jahr Sticken, Sticken, Sticken und Ansonsten sparen, sparen, sparen zurück. Wie ein kleines Wunder erschien mir da, dass ich trotz meiner fast 40 Jahre doch wieder einen Halb-tagsjob fand und so die Kosten für die dienstäglichen Flüge nach England verdienen konnte. Für den Rest hatte ich entschieden, dass meine Altersversorgung und meine Sparverträge in dieser Schule besser aufgehoben wären als auf der Bank. Glücklich, wer da einen verständnisvollen Mann sein eigen nennen kann! Im September 1994 ging es dann los - nichtsahnend, auf was ich mich da wirklich eingelassen hatte. Eigentlich wollte ich endlich einmal etwas nur für mich tun und mich aus dem Frust des immer wieder Arbeitsloswerdens herauskatapultieren. Einmal eine Weiterbildung machen, die „nur“ mir etwas nutzt und mich daher auch nicht nachträglich frustrieren konnte, wenn es doch wieder nicht mit dem dauerhaften Arbeitsplatz geklappt hat. Ich erlebte das bis dahin schönste, aufregendste (wissen Sie was Flugangst für eine Bedeutung kriegt, wenn man nur durch einen wöchentlichen Flug nach Lon-don etwas tun kann, was einem so am Herzen liegt - ich weiss es jetzt...) und anstrengendste Jahr meines Lebens. Einmal in der Woche in einem ehemaligen Palast Heinrichs des VIII. ganz in der Vergangenheit versinken und Techniken erlernen, von denen ich noch nie gehört hatte. Alle Anstren-gungen sind vergessen, wenn ich eine neue Arbeit betrachte oder ein neues Werk plane. Die Anforde-rungen waren sehr hoch, die Schule hat einen weltweit anerkannten guten Ruf aufrechtzuerhalten, wer von uns wusste das vorher schon. Ich arbeitete gemeinsam mit einer Engländerin und einer Japanerin, in der 2-Tagesklasse waren 4 Japanerinnen und eine Australierin. Ich habe alle Grundtechniken der traditionellen Stickkunst erlernt und habe seither darauf aufbauend immer wieder Weiterbildungswochen und Wochenenden an der Schule absolviert. Und es gibt noch so viel zu lernen! Im September 1995 habe ich mein Diplom in einer feierlichen Zeremonie beim Londoner Auktionshaus Christies erhalten, ein würdiger Abschluss für eine so wertvolle Zeit. Schon während der Ausbildung habe ich mich entschlossen, meine Kenntnisse an so viele Menschen wie möglich weiterzugeben. Ich hoffe, dass ich mit meiner Freien Schule für Lebendige Nadelkunst dazu beitragen werde, den Kunst-Aspekt der Stickerei wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen zu können. Und der Erfolg der ersten beiden Jahre widersprach all dem, was mir die soge-nannten „Fachleute“ aus der Hersteller- und Fachpresse-Szene prophezeit haben. Alle, die die Mög-lichkeit genutzt haben, die Schule bei Ausstellungen oder Veranstaltungen zu besuchen oder den Mut hatten, einfach ins unbekannte Metier einzutauchen und einen Kurs zu besuchen, sind so erstaunt über die Vielfältigkeit der textilen Oberflächengestaltung im Stickbereich, wie ich es bei meinem ersten Besuch in der Royal School of Needlework war. Und wie erfreut ist man erst, wenn man erkennen lernt, dass sich uralte Techniken wunderbar unseren modernen Vorstellungen von Schönheit und Äs-thetik anpassen lassen. Egal ob man nun lieber abstrakt oder lieber gegenständlich arbeitet. Geschafft!!! Ich hoffe sehr, dass gerade junge Menschen und Menschen, die, so wie ich, mit der Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben, ermutigt werden, eine Ausbildung in diesem viel zu wenig beachteten Bereich zu machen und sich damit eine berufliche Chance „er-sticken“ können. Der Weg ist nicht einfach und verlangt schon eine gehörige Portion Idealismus, Durchhaltevermögen und Frechheit im positivsten Sinne - aber dafür ist er auch sehr lohnend. Nicht unbedingt aus materieller Sicht, doch wenn ich heute, nach einem anstrengenden Intensivkurs vollkommen erschöpft ins Bett falle, weiss ich doch, dass ich von einer sehr sinnvollen Sache erschöpft bin. Sticken ist nicht nur einfach ein Zeitvertreib, Sticken ist wie Meditation. Ein Kursteilnehmer (kein Schreibfehler: es war wirklich ein Mann!) hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Sticken ist etwas sinnlos Schönes“ - Herr Lindner, danke für diesen wunderbaren Satz! Und der Bedarf an Schönem, nicht materiell Messbarem ist gerade in unserer heutigen, nicht gerade einfachen Zeit, enorm gross und es ist wichtig, diesen Bedarf zu decken. Lassen Sie sich vom Virus kreatives Sticken inspirieren und infizieren - Sie werden es nie bereuen!!!
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